Eines der Themen, das in den vergangenen Jahren im deutsch-polnischen Grenzgebiet die größe mediale und öffentliche Aufmerksamkeit bekommen hatte, war der ökologische Zustand des Grenzflusses Oder. Fischsterben, Ausbau und Schiffbarmachung, Naherholungsgebiet und sanfter Tourismus sind die Stichworte. Die Zivilgesellschaft, die Politik und die Verwaltungen müssen zusammenarbeiten, um sich auf eine gemeinsame Linie zu verständigen. Die Oder steht also exemplarisch für grenzüberschreitende Umwelt- und Nachhaltigkeits-Herausforderungen unserer europäischen Gesellschaften. Sie ist somit ein idealer Ausgangspunkt, um über das Thema Umweltschutz in Europa zu sprechen. Dafür hatten sich zwei Projektpartner gefunden, die unmittelbar in Odernähe gelegen sind - die Jugendabteilungen der Stadt Seelow sowie die Jugendabteilung des Marschalamtes Westpommern-Stettin. Im Juni 2024 fanden zudem die Wahlen zum Europäischen Parlament statt. In Deutschland durften erstmals Jugendliche ab 16 Jahren wählen. Diese Entwicklung war folgerichtig, denn Europa ist der Rahmen, der das Leben von Jugendlichen immer mehr beeinflusst. Junge Menschen leben heute in, für und mit Europa. Viele halten es für wichtig, sich persönlich zu engagieren. Eurobarometer-Umfragen zeigen aber, dass das Wissen über die EU defizitär ist mit der Gefahr von einem Vertrauensverlust gegenüber der europäischen Integration. Um sich in Europa zurecht zu finden, wollen Jugendliche ihre Umwelt mitgestalten. Vor allem der grenznahe Bereich bietet sich hierfür an. Die politische Auseinandersetzung und das gesellschaftliche Engagement verlangen jungen Menschen viel ab. Damit sie die Herausforderungen annehmen und eine bewußte (Wahl-)Entscheidungen treffen können benötigen sie Empowerment und europäisches know how. Laut Jugendforscher Klaus Hurrelmann ist für die heutige Jugend "die Krise der Normalzustand": Klima, Corona und jetzt der Krieg Rußlands gegen die Ukraine mit seinen ökonomischen Folgen verunsichern junge Menschen und lassen ihr Bild von der EU, ihren Werten und demokratischen Verfahren verschwimmen. Eine zunehmende gesellschaftliche Spaltung ist die Folge. Zudem nehmen Euroskeptizismus, Nationalismus und Populismus in vielen Ländern der EU zu. Aber die Jugend ist durch die heutigen Krisen auch dafür sensibilisiert, zu erkennen, wie fragil ein offenes, solidarisches, demokratisches, jugendgerechtes Europa sein kann. Unsere Gesellschaften müssen aus der Krise lernen und sich neu justieren. Dabei dürfen die europäischen Errungenschaften nicht verloren gehen, von denen vor allem Jugendliche profitieren. Am besten geschieht dies, indem man diese Werte vorlebt und praktiziert. Um sich in Europa zurecht zu finden müssen Jugendliche die Möglichkeit erhalten ihre Umwelt mitzugestalten. Dies wollten wir in diesem Projekt ermöglichen und unterstützen. Europäische Bürgerschaft für Nachhaltigkeit In den letzten Jahren haben junge Menschen in ganz Europa durch verschiedene Aktionen auf sich aufmerksam gemacht. Vor allem die Demonstrationen gegen die in ihren Augen unzureichende Klimapolitik haben gezeigt, dass sie sich in die Gestaltung ihrer Lebensumwelt und ihrer Zukunft einbringen möchten. Dieser Schwung wurde während der COVID-19-Krise zwangsläufig gebremst. Jetzt war es entscheidend, mit jugendlichem Enthusiasmus erneut drängende Probleme anzugehen und Europa zeitgemäß weiterzuentwickeln. Junge Menschen verstehen, dass sie als verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger an der Politik teilnehmen müssen. Das Jahr 2023 wurde zum Europäischen Jahr der Kompetenzen erklärt, und junge Menschen sollten ebenfalls unterstützt werden, sich drei Monate vor den Europawahlen im Jahr 2024 zu qualifizieren und zu engagieren. Wir haben diese Zeit, in der die EU im Blickpunkt der Öffentlichkeit steht, genutzt, um zu zeigen, wie Einzelpersonen sich aktiv in die politische Diskussion zur Nachhaltigkeit als europäische Staatsbürger einbringen können und welche Themen für junge Menschen bei den Europawahlen besonders wichtig sind. Die Demokratie in Europa hat Schwächen, wie Krisen wie das Oder-Fischsterben immer wieder zeigen. Diese Defizite können jedoch durch bürgerschaftliches Engagement behoben werden, wenn Bürgerinnen und Bürger sich als Europäer begreifen und als Europäer handeln. Jugendpartizipation zwischen Deutschland und Polen Bei den beteiligten Regionen handelt es sich um strukturschwache ländliche Gebiet, die von gesellschaftlichen Problemen wie Alterung der Gesellschaft, Abwanderung von qualifizierten Jugendlichen sowie von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Sprachbarrieren, fehlendes Wissen und Interesse, Vorurteile, Rassismus - dies sind die sozialen Herausforderungen, denen sich Jugendprojekte zwischen Deutschen und Polen stellen müssen. Mit mehr Partizipation und der Identifizierung relevanter Jugendthemen haben wir einen Beitrag zur Strukturstärkung des ländlichen Raums geleistet und Jugendliche dazu bewegt, ihre Heimat mitzugestalten.